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Die Universitäts-Bibliothek gehört nicht mehr zum Stolz des Landesherren

(aus: Saarbrücker Zeitung vom 16.5.2000)

Ein schleichender Tod: Wer Bibliotheken über Jahre vernachlässigt, kann sie irgendwann ganz zumachen - Sonderprogramme ersetzen keine Finanzplanung

In den deutschen Universitäten gibt es noch zu viele mittelalterliche Strukturen - meint August-Wilhelm Scheer, Evangelist der Informationstechnologie, Wirtschaftsinformatiker und erfolgreicher Unternehmer. Wahrscheinlich zählt er auch die Universitätsbibliothek zu diesen mittelalterlichem Relikten, die keinen Profit abwerfen und nur Geld verschlingen. Der "virtuelle" Gewinn der Bibliotheken ist in einer Kosten-Nutzen-Rechnung nicht nachweisbar. Goethe hat nach dem Besuch der UB Göttingen im Jahre 1787 geschrieben: "Bibliotheken sind ein Kapital, das geräuschlos unberechenbare Zinsen spendet." Leider wird diese Anschauung heute kaum noch vertreten, und schon gar nicht von den Regierenden des Saarlandes. Früher gehörte eine florierende Bibliothek zum Stolz der Landesherren.

Heute muss man den Eindruck gewinnen, als sei die Saarländischen Universitäts- und Landesbibliothek (SULB) für den Landeshaushalt ein Klotz am Bein. In den Sonntagsreden der Politiker gehört diese Einrichtung natürlich zu den Bestandteilen der stets angefochtenen saarländischen Identität, nur sollte sie kostenneutral zu haben sein. Wie ist sonst zu verstehen, dass der Etat für die SULB und die Institutsbibliotheken seit 1984 nicht mehr angehoben wurde? Dabei bekannten sich frühere Regierungschefs des Landes wie Oskar Lafontaine und Reinhard Klimmt gern als Liebhaber des Buches. Es ist allerdings nie von ihrem besonderen Engagement für die SULB die Rede gewesen, es sei denn, man bewerte den ersten Spatenstich für den Umbau und die Erweiterung des Bibliotheksgebäudes am 17. August 1999, rechtzeitig für den Wahlkampf, als Indiz für besondere Verbundenheit mit der Bibliothek. Als Oppositionspolitiker haben sich Frau Beck und die Abgeordneten Schreiner und Schön immerhin gelegentlich über den Zustand der SULB an Ort und Stelle informiert.

Alle bisherigen Regierungen des Saarlandes haben die SULB bei unverändertem Etat und horrend steigenden Buch- und Zeitschriftenpreisen jahrelang gleichsam auf ausgestreckter Hand hungern lassen. Jetzt wäre endlich an eine Sanierung des Etats zu denken oder aber die ganze Einrichtung müsste abgewickelt werden. Bei ihren Haushaltsberatungen hat die neue CDU-Regierung immerhin den Etat für das laufende Jahr um eine Million aufgestockt. Wenn es nun heißt, dass die zusätzliche Million dazu diene, vor weiteren Abonnementskündigungen zu bewahren, dann verrät sich in dieser Maßnahme die Kurzsichtigkeit, die für die Bewilligung des Etats der SULB seit Jahren gilt. Doch Sonderprogramme können nicht die Basis einer sinnvollen Planung sein. Gewiss macht vor allem der Zeitschriftenbestand eine spürbare Aufstockung der Mittel auf Dauer dringend notwendig. Dass auch neue Bücher gekauft werden müssen, ist schon völlig vergessen.

Im künftigen Haushalt müsste endlich mit diesen Gnadenakten Schluss sein. Die bisherige Flickschusterei zeigt sich besonders schmerzlich am Beispiel der medizinischen Teilbibliothek: Wenn sie nicht mindestens 200 000 Mark für dieses Jahr aus der zusätzlichen Million erhält, verschuldet sie sich um diese Summe. An eine dringend nötige Erneuerung der medizinischen Lehrbuchsammlung ist dann erst recht nicht zu denken. Im Jahr 1999 standen der SULB nach Haushaltsansatz wie schon seit 19841 682 300 Mark zur Verfügung. Hinzu kamen 100 000 Mark für Landesbibliotheksaufgaben, über das Literaturprogramm 250 0000 Mark und über ein vom ehemaligen Minister Rüttgers aufgelegtes Programm noch einmal 176 000 Mark. Mit diesen Mitteln sind die seit langem gestiegenen Ausgaben nicht mehr zu decken. Der Etat für die meisten Einzelfächer liegt bei etwa 6000 Mark pro Jahr. Wer die Preise für wissenschaftliche Werke kennt, weiß, dass davon maximal 50 bis 60 Monographien oder Textausgaben zu kaufen sind. Die Studierenden haben schon länger bemerkt, dass neuere Literatur in der SULB nur noch nach dem Zufallsprinzip zu finden ist. Nahezu alle Neuerscheinungen der letzten Jahre müssen über die Fernleihe nach Saarbrücken bestellt werden. Der Rückgang der Benutzerzahlen ist die Folge der immer weiter klaffenden Diskrepanz zwischen Nutzernachfrage und Erwerbungspotential (Rückgang der Ortsleihe von 331 786 auf 291 354 Bestellungen!). Eine Firma, deren Kapital seit 16 Jahren nicht mehr erhöht wurde, wäre längst pleite. Die Hoffnung auf Internet und die Ausstattung mit PCs kaschiert nur den Mangel. Es ist rührend, die Minister als Schüler an diesen Geräten beim Nachhilfeunterricht zu sehen. Sie lernen dabei hoffentlich, dass die neuen Medien, so nützlich sie sein mögen, das Buch und die Zeitschrift nicht ersetzen können. Auch hier geht es ja wieder ums Geld - eine virtuelle Vorlesungsstunde soll 10 000 Mark kosten. Der Verzicht auf die UB und der Aufbau einer virtuellen Bibliothek wäre zwar von der Haushaltslage des Landes her gesehen konsequent aber langfristig ein ungeheurer Verlust, dessen Folgen kaum abzuschätzen sind. Die neuen Medien sind nicht denkbar ohne die Pflege der alten. "Denn die neue Welt kann nicht sein ohne die alten Fertigkeiten" (Odo Marquard).

GERHARD SAUDER war Professor für Neuere Deutsche Philologie und Senatsbeauftragter für das Bibliothekswesen

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