1. Die Arbeit als Thema
regionaler Literatur
2. Stand der Forschung
2.1. Sekundärliteratur
2.2. Bibliographien
3. Historische
und begriffliche Grundlagen
3.1. Exkurs: Territoriale
Entwicklung des Saarlandes
3.2. Zur
Geschichte der Arbeiterbewegung an der Saar
3.3. ‘Arbeiterliteratur’
und ‘Literatur der Arbeitswelt’
4. Konzeption
und Aufbau der Untersuchung
4.1. Forschungsziele
4.2. Auswahlkriterien
4.3. Vorgehensweise und
Methode
4.4. Die Periodika
4.4.1. Der Bergmannsfreund
4.4.2. Saarbrücker
Bergmannskalender
4.4.3. Nach der Schicht
4.4.4. Sozialistische
und kommunistische Zeitungen
5. Die Ordnung der Bibliographie
Die Industrielle Revolution führte in Westeuropa zu einer grundlegenden Umwälzung von menschlichen Lebensverhältnissen bis in die Mikrostruktur der alltäglichen Lebensführung hinein. Die Reaktionen darauf waren mannigfaltig. Sie bilden ein Spektrum von Positionen, das von Affirmation über regressive Kritik bis zur utopischen Transzendierung reicht.
Diese allgemeine soziale, ökonomische und kulturelle Entwicklung läßt sich auch an einem Besonderen studieren: der regionalen Veränderung von Arbeits- und Lebensverhältnissen und ihrem Widerschein in der Literatur.
Zeitweilig gehörte das Land an der mittleren Saar zu den wichtigsten Industrierevieren Deutschlands. Ein Großteil der Bevölkerung arbeitete in Bergwerken und in der Eisenindustrie. Kohle und Stahl, Fördertürme und Walzstraßen bestimmten nicht nur das Bild der Landschaft entlang der Saar, sie prägten auch den Lebensrhythmus und die Mentalität der Menschen, die hier lebten. Auch in den Werken der Schriftsteller dieser Region hat das allgegenwärtige industrielle Umfeld seine Spuren hinterlassen.
Während die Geschichte der Arbeiter und der Arbeiterbewegung an der Saar schon seit einiger Zeit Gegenstand intensiver historiographischer und sozialwissenschaftlicher Forschungen ist, sind deren Darstellungen in der Literatur bisher systematisch ebensowenig thematisiert worden wie ihre in verschiedenen Publikationen tradierten eigenen literarischen Äußerungen. Diese Forschungslücke soll mit vorliegender Bibliographie geschlossen werden.
Gesammelt und kommentiert wurden einerseits alle Texte saarländischer Autoren aus dem Zeitraum von etwa 1850 bis zur Gegenwart, in denen das Thema "Arbeit" sowohl in der Berufswelt als auch im Alltagsleben literarisch dargestellt wird. Erfaßt wurden darüber hinaus Texte, die in Periodika wie dem "Bergmannsfreund" erschienen und die nicht alle von professionellen Autoren stammen, sondern zum Teil typische Gelegenheitsarbeiten darstellen. Gerade das - also die enge Bindung von Texten an bestimmte Ereignisse etwa der bergmännischen Festkultur oder eine offen hervortretende didaktische Absicht im volkspädagogisch-moralisierenden Sinn bis hin zum explizit formulierten "Ora et labora"-Topos - macht die Texte zu einem aufschlußreichen Dokument ihrer Zeit, was nun freilich ein eher historisches als im engeren Sinne literarisch-ästhetisches Interesse befriedigen wird.
Ergänzend dazu schließlich wurden Texte aus dem Umfeld der Arbeiterparteien zusammengetragen, die Arbeit und Arbeiterleben kritisch und häufig in politischem Kontext thematisieren und dabei zum Teil als "Arbeiterdichtung" im klassischen Sinne anzusprechen sind, die, ausgebildet in den Formierungskämpfen der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts, in der Weimarer Republik insbesondere im sozialdemokratischen Milieu in einer politisch prekären Situation tradiert und mitunter auch kanonisiert wird. Hinzu tritt schließlich die kommunistische Literatur, die gegen die sowohl in tradierter bergmännischer Standesdichtung als auch in der "Arbeiterdichtung" verbreitete Tendenz zur Ästhetisierung der Arbeit eine operative Konzeption von Literatur setzt, die stärker an realistischen Ansprüchen ausgerichtet ist und dies mit einem veränderten Bild des Autors verbindet - realisiert etwa in Form der Arbeiterkorrespondentenbewegung und dem Genre der Betriebsreportage. Allerdings ist im Fall des Saargebiets der Beitrag einer kommunistischen Literatur vergleichsweise bescheiden, natürlich bis auf die spektakuläre Ausnahme Gustav Regler. Insgesamt also konnte ein relativ breites Spektrum von Texten zusammengetragen werden, deren Verbindung darin besteht, daß sie entweder Arbeit und Arbeitswelt literarisch behandeln oder daß sie selbst Bestandteile dessen sind, was man als "Arbeiterkultur" und, ergänzend, als "Arbeiterbewegungskultur" bezeichnet hat. (1)
In diesem Zusammenhang stellte sich auch die Frage, inwieweit Texte aufgenommen werden sollten, die in ihren Bezügen dominant politisch und in ihrer Ausrichtung letztendlich propagandistisch sind. In den zusammengetragenen selbständigen Texten ist das Politische virulent insbesondere in bezug auf den deutsch-französischen Territorialkonflikt und nimmt bei den meisten Autoren der ersten Jahrhunderthälfte die Gestalt einer nationalistischen Option für Deutschland an, die auch literarisch spätestens dann zum Problem wird, wenn politische Ziele die Wahrnehmung der beschriebenen Welt verzerren und den Blick für die Differenziertheit menschlicher Charaktere trüben. Wenn also keine Individuen mehr dargestellt werden, sondern Typen, der degenerierte Franzose etwa im konservativen Lager oder der an keinem Schicksalsschlag verzweifelnde proletarische Kämpfer auf der anderen Seite.
Man muß keine Allgegenwart des Politischen behaupten, das sich im scheinbar Unpolitischen noch durchsetze, um auch in den oft harmlosen Gedichten und Erzählungen des "Bergmannsfreunds" oder des "Bergmannskalenders" ein politisches Interesse - in diesem Fall der Bergwerksdirektion - daran zu erkennen, die Ruhe im Lande aufrechtzuerhalten: Explizit, wenn zu Pflichterfüllung und Gehorsam gemahnt wird, wenn der Kaiser als oberster Bergherr verehrt wird, die Sozialdemokratie attackiert oder wenn vor dem Alkohol als Ursache des Elends gewarnt wird, implizit vielleicht auch dann noch, wenn der Bergmann zum schrulligen Kumpel mit spezifischem Ethos stilisiert wird. Natürlich ist damit nicht ausgeschlossen, daß sich auch hier bisweilen detaillierte und präzise Einzelbeobachtungen finden.
Zu einem besonderen Problem wird die Dominanz des Politischen zweifellos im Umfeld der ersten Saarabstimmung. Da findet sich nun eine ganze Reihe von Texten - Lieder, Sprechchöre, Erzählungen - in denen der Arbeiter tatsächlich nur noch als Typ figuriert und zum Heroen der sogenannten nationalen Befreiung wird. Auch diese Texte sollten so weit wie möglich erfaßt werden: Der Arbeiter als Kollektiv-Subjekt hat einen zentralen Platz in den politischen Mythen des 19. und 20. Jahrhunderts und in ihrer politischen Ikonographie. Dementsprechend erschien es uns unangebracht, die Bewertung von Texten unter Zugrundelegung bestimmter Kriterien darüber, wie authentische Gestaltung von Arbeitswelt auszusehen habe, in den Vordergrund zu rücken. Die Instrumentalisierung des Industriearbeiters, also die Produktion von Ideologie, spielt in der politischen Geschichte eine wichtige Rolle. Texte, in denen dieses zum Ausdruck kommt, dürfen deswegen hier nicht fehlen, auch die nicht, in denen soziale Unterdrückung nur noch als vermeintlich nationale in den Blick kommt. Und sicherlich spielt idealisierende Vereindeutigung auch in den Traditionen der Arbeiterbewegung und in ihren Bildsprachen eine Rolle - vom "Riesen Proletariat" über den Maifeier-Heroismus bis zur proletarischen Faust, die die Repräsentanten der kapitalistischen Gesellschaftsordnung niederstreckt. Auch wenn, wie angedeutet, erst einmal Texte gesammelt werden sollten, ohne vorschnell Mißliebiges nach bestimmten Kriterien als unzugehörig auszusondern, so sind wichtige Unterschiede doch evident: Gerade etwa in autobiographischen Texten - vertreten mit einigen selbständigen Arbeiterautobiographien, aber auch mit mehreren in Zeitungen erschienenen Artikeln - gelingt es den Autoren immer wieder, politische Stereotypen und formelhafte Phrasen zu unterlaufen und aus der individuellen Perspektive Geschichte erfahrbar zu machen.
Der literarische Anspruch der zusammengetragenen Texte ist zweifellos unterschiedlich zu bewerten: Ästhetische Kriterien sind in bezug auf das Themenfeld nicht die einzig möglichen und vielleicht auch nicht die zentralen, zumal das Interesse hier zunächst ein empirisches, weniger ein ästhetisch-normatives ist. Gerade auch politische Verzerrungen, naive Idyllen und Gelegenheitslyrik können im Kontext einen nicht unerheblichen Dokumentarwert haben. Man muß sich natürlich darüber im klaren sein, an welche Texte man welche Ansprüche stellt: Man wird etwa Kirschwengs Romane anders bewerten müssen als didaktische Erzählungen im "Bergmannsfreund", Johannes Kühns Gedichte über Nikolaus Warken oder über seine Erfahrungen im Arbeitsleben anders als häufig in konkreten Auseinandersetzungen entstandene politische Gedichte der Weimarer Republik. Die Texte befinden sich auf unterschiedlichen ästhetischen Anspruchsniveaus, die Beschäftigung mit ihnen wird unterschiedliche Erkenntnisinteressen befriedigen.
Ein Teil wird sicherlich in erster Linie als "Belegmaterial zur Mentalitätsbestimmung" oder zur "Kennzeichnung ideologischer Lager" (2) relevant sein, insofern einen Beitrag zur Klärung des Phänomens Alltags- und Arbeiterkultur leisten. Gerade solche kulturhistorischen Fragestellungen erlauben es, die "weißen Stellen auf der Landkarte geschichtswissenschaftlicher und besonders sozialgeschichtlicher Forschung" zu füllen: "Mentalitäten, Einstellungen, Deutungs- und Verhaltensmuster, Gesellungsformen, die verschiedensten Aspekte des alltäglichen Lebens sind es, die auch durch sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Frageraster häufig hindurchfallen oder lediglich als kontingente Randphänomene berührt werden. Sie verdienen es aber, klassen- und schichtenmäßig differenziert, systematisch thematisiert zu werden, schon weil es sich bei ihnen um Dimensionen handelt, in denen sich ein Großteil des Lebens weiter Bevölkerungskreise abspielte, in denen sich Glück und Unglück wenn nicht entschieden, dann doch verwirklichten." (3)
Ein anderer Teil des Materials besteht aber sicherlich auch aus Texten, die eine eigenständige Würdigung verdienen und in ihrer Historizität nicht völlig aufgehen.
Die in der Region Saar-Lor-Lux-Elsass verfaßte Literatur war lange Zeit kein Gegenstand intensiver literaturwissenschaftlicher und -historischer Studien. Dabei spielte die Diskreditierung der Heimatliteratur durch ihre völkische Indienstnahme im Nationalsozialismus und ein daraus resultierender generalisierter Ideologie-, Provinzialismus- und Trivialitätsverdacht in bezug auf Objekte und Subjekte regionaler Literaturforschung sicherlich ebensosehr eine Rolle wie speziellere Zweifel daran, ob gerade diese Region in literarischer Hinsicht allzuviel zu bieten habe. (4)
Dementsprechend wurde häufig der Ausspruch des saarländischen Philosophen Peter Wust angeführt: "Unser Saarland ist von der Sonne des Geistes kaum beschienen worden. In der Geschichte, ja da hat der kleine Winkel eine Rolle gespielt. Aber geistesgeschichtlich? Nein, man muß es sich eingestehen, soviel wie ein prope nihil. Wir Saarländer hatten immer andere Werte." (5)
Erst ein sich wandelndes Literaturverständnis während der 60er und 70er Jahre dieses Jahrhunderts und gleichzeitig ein erstarkendes regionales Selbstbewußtsein ließen das Schaffen saarländischer Autoren auch für Germanisten interessant werden. So wurde 1978 an der Universität des Saarlandes/Lehrstuhl Prof. Schmidt-Henkel die Arbeitsstelle für Gustav-Regler-Forschung gegründet, die 1985 zum Archiv für die Literaturen der Grenzregion Saar-Lor-Lux-Elsass erweitert wurde. (6) Hier werden sowohl Primär- als auch Sekundär-literatur zu einzelnen Autoren gesammelt. In Seminaren und Kolloquien werden ausgewählte Themen zur regionalen Literaturgeschichte aufgearbeitet. Zu Gustav Regler und Johannes Kirschweng existieren bereits Dissertationen und mehrere Forschungsarbeiten, weitere sind in Vorbereitung, so z.B. eine Dissertation zu Lisbet Dill.
Bisher wurde hier vornehmlich das Thema Grenze behandelt, das in diesem Raum dominierend ist. Mit der vorliegenden Bibliographie zum Thema "Arbeit" wurde ein neuer Aspekt der Regionalliteraturforschung erschlossen.
Einen Überblick über die Literatur an der Saar während der letzten zweihundert Jahre bieten verschiedene Publikationen: Als Einstieg bietet sich die Literaturgeschichte von Ewald Reinhard an. Bereits 1929 erschienen, gibt sie vor allem einen Einblick in das literarische Schaffen des späten 19. Jahrhunderts. Sie ist allerdings nicht unumstritten: "denn was unsere wohlmeinenden Festredner und die Leute vom Schlage des ahnungslos hurtigen Verfassers der 'Literaturgeschichte des Saargebiets' (Saarbrücker Druckerei und Verlags-AG 1929) ohne weiteres als Leistung ansehen, ist bescheidenste Ware, bestimmt, den lokalen Bedarf an Gereimtem und Ungereimtem zu decken." (7)
Wesentlich umfassender und auch wissenschaftlich fundierter ist W. H. Recktenwalds Abhandlung "Literarisches Leben im Saarland. Versuch einer Bestandsaufnahme." Aus neuerer Zeit datiert die Abhandlung von Peter Dittgen: "Literarisches Leben im Saarland von 1815 bis zur Gegenwart" aus dem Jahre 1981, die jedoch in weiten Teilen eine Kompilation der beiden erstgenannten Titel darstellt. Viele Informationen in komprimierter Form enthält der "Literarische Führer durch die Bundesrepublik Deutschland" von Fred und Gabriele Oberhauser.
Erwähnenswert ist auch der kleine Aufsatz "Literarisches Leben an der Saar" von Fred Hilgers, der neue Aspekte einbringt, indem er Schriftsteller nennt, deren Namen heute nicht mehr geläufig sind, so z.B. der längst vergessene Kristian Kraus, Carl Erich Behrens oder A. Rumann.
Vor allem während der Dreißigerjahre dieses Jahrhunderts ist im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen um eine Rückgliederung des Saargebiets ans Deutsche Reich eine Vielzahl von saarländischen Literaturbetrachtungen erschienen. Die meisten sind nicht einmal erwähnenswert, fast alle sind stark nationalsozialistisch gefärbt.
Meist konzentrieren sie sich auf eine Handvoll bekannter Saarautoren wie etwa Johannes Kirschweng, Friedrich Schön und Rupert Rupp. Bemerkenswert wäre bestenfalls Ignaz Alo Schweitzer von Coellen mit seinem "Saarland im Spiegel der Dichtung", das sich jedoch stark an Reinhards "Literaturgeschichte" zu orientieren scheint, Hanns Martin Elsters "Auf den Spuren des Genius. Dichter im Saargebiet", außerdem Friedrich Oblassers "Das deutsche Schrifttum an der Saar", ein ebenso umfangreicher wie polemischer Aufsatz, der jedoch ebenfalls wenig Neues bietet.
Um die saarländische Literatur hat sich auch Kurt Kölsch verdient gemacht, der nicht nur als Herausgeber von Anthologien firmiert, sondern auch viele Aufsätze und Abhandlungen zu saarländischen Schriftstellern und ihren Werken verfaßt hat. So unerheblich und oft sogar wissenschaftlich unhaltbar die meisten dieser Texte sein mögen, so wichtig waren sie jedoch für diese Arbeit als Grundlage für die bibliographische Forschung.
In jüngster Zeit ist mit Günter Scholdts "Grenze und Region. Literatur und Literaturgeschichte im Grenzraum Saarland-Lothringen-Luxemburg-Elsaß seit 1871" ein Kompendium zur regionalen Literaturgeschichte des Grenzraums erschienen, das Einzeldarstellungen von Autoren und Werken mit systematischen Überlegungen zur Bedeutung regionaler Literaturgeschichtsschreibung und zu einzelnen Themenschwerpunkten regionaler Literatur verbindet.
Problematischer als die Auswertung der Sekundärliteratur gestaltete sich die bibliographische Recherche, da für den Untersuchungszeitraum dieser Arbeit, also von 1850 an, keine umfassende systematische Bibliographie existiert. Auch Lorenz Drehmann spricht in seiner "Einleitung zu einer Saarländischen Bibliographie" diesen Mißstand an: "Vielleicht wird die Zeit auch einmal reif für eine retrospektive Bibliographie, die das gesamte wichtige über das Saarland erschienene Schrifttum von Anfang an umfaßt, ein allzu verständlicher Wunsch, wenn man bedenkt, wie sporadisch, verstreut und uneinheitlich die Literatur über das Land an der Saar bisher erschlossen wurde." (8)
Erst seit 1961, mit Erscheinen des ersten Bandes der "Saarländischen Bibliographie", wird saarländisches Schrifttum systematisch erfaßt. Titel von 1951 an finden sich in der "Pfälzischen Bibliographie", Titel aus dem Zeitraum vor 1951 sind jedoch nur schwer zu ermitteln. Ursache dafür ist die wechselvolle Geschichte dieses Raumes mit zahlreichen Grenzverschiebungen und die Tatsache, daß das Saargebiet erst seit 1919 als eigenständiges politisches Gebilde existiert.
"Bei der Ermittlung der vor 1951 erschienenen Veröffentlichungen muß auf die Bibliographien zurückgegriffen werden, die das Schrifttum der bayrischen Rheinpfalz und der preußischen Rheinprovinz oder ihrer südlichen Teile behandeln. Da bis zur Französischen Revolution der Westen und Norden des heutigen Saarlandes zu Großterritorien gehörten, deren Schwerpunkte in Lothringen und im Moseltal lagen, müssen auch die Schrifttumsverzeichnisse dieser Landschaften gelegentlich herangezogen werden." (9)
Für diese Epoche empfiehlt Lorenz Drehmann die "Pfälzische Bibliographie" von Daniel Häberle. Dieses Verzeichnis reicht bis zum Jahre 1927 einschließlich. Der Zeitraum von 1928 bis 1950 allerdings ist bibliographisch noch unerschlossen. Zwar kündigt Drehmann (10) eine von Rolf Bohlender geplante retrospektive Pfälzisch-Saarländische Bibliographie für jene Zeitspanne an, doch ist von diesem Werk bisher erst Bd. II, der ortskundliche Literatur enthält, erschienen. Nützlich bei den bibliographischen Nachforschungen erwies sich auch das Bücherverzeichnis des Historischen Vereins (für die Saargegend) und ein Bücherverzeichnis der Stadtbücherei Saarbrücken aus dem Jahre 1934.
A. Hasslachers Bibliographie mit dem Titel "Literatur über das Industriegebiet an der Saar" und Rudolf Drumms "Schrifttum über das Industriegebiet an der Saar und seine Umgebung" mögen für technische und wirtschaftliche Fragen sehr aufschlußreich sein, für diese Arbeit jedoch waren sie wenig informativ. Daneben ist noch eine Reihe von Bibliographien über historische oder heimatkundliche Themen, die das Saargebiet betreffen, erschienen, die aber für literaturwissenschaftliche Forschungen wenig ergiebig sind. (11)
Ein großes Problem bei der Betrachtung der Literatur des Saarlandes, ebenso wie bei ihrer bibliographischen Aufarbeitung, ist die Tatsache, daß das heutige Saarland als homogenes politisches Gebilde erst seit 1919 existiert. Auch geographisch betrachtet stellte die Region keine geschlossene Landschaft dar. (12) Bis man die wirtschaftliche Bedeutung seiner reichen Bodenschätze erkannte, war das Gebiet jahrhundertelang ein unbeachtetes Anhängsel im Südwesten des "Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation". Durch die Nutzung der Bodenschätze entstand auf engem Raum eine Verdichtung von Grubenanlagen und Eisenhütten im Saartal zwischen Brebach und Dillingen sowie in den Tälern der rechten Nebenflüsse der Saar (Scheidterbach-Sulzbach-Fischbach) und in nordöstlicher Ausdehnung, die Gemeinden Reden, Neunkirchen, Bexbach und Homburg umfassend. Der industrielle Ballungsraum mit seiner Bevölkerungsdichte blieb bis in unsere Zeit die Kernregion des Gebietes. (13) Abseits von dieser Industriezone lagen die Keramikfabriken von Mettlach und Merzig.
Durch die "Réunionen" unter Louis XIV. (1643 - 1715) wurde das "Territorialmosaik" zur sog. "Saarprovinz" zusammengefaßt. Sie erstreckte sich bis zur Mosel und Nahe. (14)
Während der Französischen Revolution überrannten die Revolutionstruppen das linksrheinische Gebiet, das im Frieden von Lunéville 1801 Frankreich zugesprochen wurde. Eine neue Aufgliederung erfolgte: "Die Saarlande gehören teils zum Saar-Departement (Vorort Trier) und teils zum Mosel-Departement (Vorort Metz). Das alte Fürstentum Saarbrücken geht im Arrondissement gleichen Namens auf." (15) Einige Gemeinden, die heute zum Saarland gehören, wurden dem Departement Donnersberg im Osten und dem Wälderdepartement im Nordosten zugeordnet. (16)
Nach den Freiheitskriegen wurde im 2. Pariser Frieden (1815) eine staatliche Neuordnung vorgenommen: Der größte Teil des heutigen Saarlandes kam zum Königreich Preußen. Ein kleinerer Teil im Südosten, ungefähr deckungsgleich mit dem heutigen Saar-Pfalz-Kreis, ging an das Königreich Bayern. Einige Gemeinden im Nordosten wurden dem Fürstentum Birkenfeld angegliedert, das wiederum ein Bestandteil des Großherzogtums Oldenburg war. St. Wendel und einige umliegende Ortschaften wurden als Fürstentum Lichtenberg dem Herzogtum Sachsen-Coburg zugeordnet, bis sie 1834 endgültig Preußen zufielen. (17)
Durch den Versailler Vertrag von 1919 trat erstmals das "Saargebiet", in dem Teile der ehemals preußischen Rheinprovinz und der bayrischen Pfalz zusammengeschlossen waren, als eigenständige politische Einheit auf und wurde als fest umgrenztes Gebiet von Deutschland abgetrennt und unter Aufsicht des Völkerbundes gestellt. Die Saargruben kamen unter französische Verwaltung. (18)
Nach der Saarabstimmung 1935 wurde das damalige Saargebiet wieder dem Deutschen Reich eingegliedert und dem Gau Saarpfalz zugeführt, später mit dem angegliederten Lothringen zum Gau Westmark zusammengefaßt. (19)
Nach dem Zweiten Weltkrieg kam das Saarland erst unter amerikanische, dann unter französische Besatzung.
1946 wurde das Land aus dem deutschen Staatsverband herausgenommen; es war von Deutschland politisch und wirtschaftlich unabhängig.
Im gleichen Jahr wurden durch Frankreich 152 Gemeinden von der Rheinpfalz abgetrennt und dem Saarland angegliedert. Es waren der Restkreis Wadern und der dem ehemaligen Kreis Trier-Land zugehörende Amtsbezirk Nonnweiler, der Kreis Saarburg und einige weitere Gemeinden der Kreise Trier-Land und Birkenfeld. Ein Jahr später gingen unter dem Druck der britischen und amerikanischen Besatzungsmächte wieder 61 Gemeinden der Kreise Saarburg und Trier-Land zurück an Rheinland-Pfalz, der Rest des zum Kreise Birkenfeld gehörenden Amtes Nohfelden und die Ostertalorte des Kreises Kusel, insgesamt 13 Gemeinden, fielen dem Saarland zu. Weitere Grenzregulierungen gab es 1949, dabei wurde die Gemeinde Kirrberg dem Saarland angegliedert. (20)
Nach der Volkabstimmung 1955, deren Ergebnis die Ablehnung des Saarstatuts war, wurde das Saarland dann im Jahre 1957 endgültig als zehntes Bundesland der Bundesrepublik Deutschland einverleibt. (21)
Das heutige Saarland nimmt in seiner politischen und sozialen Entwicklung eine Sonderstellung ein. Durch die Einflüsse der Französischen Revolution wurde um 1800 der leibeigene Schicht- und Lohnarbeiter im linksrheinischen Gebiet von feudalen Lasten befreit (22) , geriet aber nach dem 2. Pariser Frieden 1815 in die Zwänge des preußischen Staates (23) , der die linksrheinischen Territorien und damit auch das Industriegebiet an der Saar in Besitz nahm. Der kleinere südöstliche Teil des heutigen Saarlandes wurde Bayern zugeeignet. (24)
Während in anderen Bergbauregionen Deutschlands die Bergarbeiter auf alte Traditionen und ständisches Bewußtsein eines schon im Mittelalter geachteten Standes zurückblicken konnten, während im Kohlenrevier an der Ruhr ein Zustrom freier, selbstbewußter Bauern aus Niedersachsen einsetzte (25) , bezog das junge Kohlenrevier an der Saar seine Arbeitskräfte aus Ansässigen, deren Kapazität jedoch nicht ausreichte, und war so hauptsächlich auf Arbeiter aus den agrarischen Randgebieten - Pfalz, Hunsrück, trierisches Land und Lothringen - angewiesen, die teils schon proletarisiert waren. Aus dem Hunsrück, den trierischen Landen und Lothringen kamen vorwiegend katholische Arbeiter, die sich im ehemals protestantischen Gebiet von Nassau-Saarbrücken ansiedelten. (26)
Zwei Haupteinflußfaktoren prägten besonders in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Mentalität der Arbeiter im Saarrevier: Staat und Kirche. Im Zuge der unter preußischer Herrschaft einsetzenden Industrialisierung begann sowohl auf den staatseigenen Gruben wie auch auf den im Privatbesitz der Unternehmer befindlichen Hütten ein industrieller Aufschwung. (27) Die Bevölkerung in den Kohlendörfern verdichtete sich mehr und mehr. Auch in der Nähe der Eisen- und Glashütten sowie der Keramikfabriken war ein Zustrom von Arbeitern zu verzeichnen. Doch der Bergarbeiterstand dominierte in der Arbeiterschaft an der Saar.
Der preußische Staat, erfahren in der Heranbildung eines ergebenen Beamtentums sowie eines gut funktionierenden Militärapparates, wußte auch den Bergarbeiterstand zu einem Reservoir brauchbarer Arbeiter zu erziehen. Durch ein "Reglement für Bergleute im königlich-preußischen Bergbezirk von Saarbrücken" vom 1. Dezember 1819 legte er die Disziplinierung der Arbeiter fest. "Treue und Gehorsam, Fleiß und Pünklichkeit sowie einen geordneten Lebenswandel" erwartete der Fiskus von seinen Bergleuten. Nichtbeachtung oder Verletzung des Reglements hatten Sanktionen wie Geldstrafen, Entlassungen oder Verlegungen auf weiter entfernte Gruben zufolge. Für diese Zwänge wurden die Bergarbeiter durch Privilegien entschädigt. Trotz dieser Privilegien lebten sie mit ihren Familien noch am Rande des Existenzminimums. (28)
Um ein Absinken des Bergmannsstandes ins Proletariat zu verhindern, setzte der Fiskus seine Wohlfahrtspolitik ein, wobei aber Autoritätsstreben und Profitinteressen des preußischen Staates gewahrt blieben. (29)
Durch die Ermöglichung des Hausbaues sollten grubennahe Wohnstätten geschaffen werden; durch Garten- und Feldwirtschaft sowie Viehzucht ("Bergmannskuh") sollte der Bergarbeiterfamilie ohne Lohnaufbesserung durch den Fiskus ein besseres Auskommen ermöglicht werden. So entstand außerhalb der Ballungszentren das Bild vom "typisch saarländischen Bergmannsbauern". (30) Unter der patriarchalischen Zuwendung der Hüttenbesitzer wie Karl Ferdinand Stumm (1838 - 1901) lebten auch die Hüttenarbeiter in ähnlichen Verhältnissen. (31)
Die katholische Kirche, die in dem vorwiegend protestantischen Preußenstaat ihre alten Rechte und Machtansprüche verteidigen mußte, suchte ihre Position in der katholischen Bevölkerung zu festigen. So setzte auch von kirchlicher Seite her eine starke Beeinflussung der Bergarbeiter ein, die nach christlichem Vorbild erzogen werden sollten. Den von Entbehrungen und Ängsten geplagten Menschen bot die Kirche Zuflucht und Orientierung. Durch Feste und Feiern sollte ihre Verbundenheit zur Kirche gefestigt werden. (32) Ähnlich wie zuvor im Ruhrrevier entstanden in der Mitte des 19. Jahrhunderts auch in der Saarregion bergmännische Vereine, die aber hier nicht liberal, sondern stark kirchlich geprägt waren. Das Vereinsleben diente den Arbeitern zur Kommunikation und zur Pflege ihres Standesbewußtseins, in einigen Vereinen aber auch in zunehmendem Maße der politischen Bildung. Bis zu den 70er Jahren steigerte sich das Vereinsleben; eine Welle von Vereinsgründungen setzte ein. (33) Auch bei den Hüttenarbeitern zeichnete sich eine ähnliche Entwicklung ab. Bei ihnen "konzentrierte sich das Leben in der Öffentlichkeit auf Sonn- und Feiertage, wobei die Kirche auf der einen und die zahlreichen lokalen Vereine auf der anderen Seite das Bild prägten." (34)
So prägte sich in diesem Gebiet unter dem Einfluß von Staat und Kirche eine religiöse und obrigkeitshörige Mentalität aus, die Bereitschaft zum stoischen Gleichmut war zunächst stärker als die zur Rebellion.
Während in anderen Bergbaurevieren, besonders im Ruhrgebiet, eine streikbereite Arbeiterschaft im Zuge der 48er Revolution ihre Macht demonstrierte, kam es im Saarrevier nur zu wenigen erfolglosen Protestaktionen (z.B. im Mai 1848 Demonstration der Eisenbahnarbeiter in Neunkirchen). (35) Die Arbeiterschaft an der Saar, im Vertrauen auf die Obrigkeit, verhielt sich abwartend und wandte sich lediglich mit einer Petition an die Frankfurter Nationalversammlung. (36)
Auch der industrielle Aufschwung in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts brachte in den sogenannten "Gründerjahren" (37) den Saararbeitern keine Vorteile. Soziale Härten führten zu den Streikwellen von 1864 und 1873. Diese noch unorganisierten Streiks verliefen ohne nennenswerte Erfolge für die Arbeiter. (38) In und nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 steigerte sich das patriotische Hochgefühl in dieser Region, die unmittelbar von den Kriegsereignissen betroffen war; Kaiserverehrung und Erbfeinddenken ließen die sozialen Probleme für einige Zeit in den Hintergrund treten. (39)
Eine aus der Anhäufung von Schlagwetterexplosionen zwischen 1860 und 1885 resultierende Lebensangst (40) , eine durch die auf den Gruben herrschenden Zustände berechtigte Unzufriedenheit (41) , zudem eine durch Bismarcks Kulturkampf (42) in den 70er Jahren hervorgerufene Protesthaltung, vorwiegend unter den katholischen Bergleuten, die in der preußischen Hierarchie der Arbeiterschaft ganz unten standen (43) , führten zu einer steigenden Volksfrömmigkeit (44) , die nicht nur auf das Saarrevier lokalisiert war; aber die Marienerscheinung in Marpingen 1876 (45) und ihre Auswüchse rückten das Gebiet in den Blickpunkt des religiösen Geschehens in Deutschland.
Erst der im Mai 1889 einsetzende sog. "Schlepperstreik" (46) im Ruhrgebiet wirkte als Vorbild und Auslöser für den Arbeitskampf an der Saar. Nikolaus Warken, genannt "Eckstein" (1851 - 1920) (47) , hatte den Nährboden für den Aufstand der Bergarbeiter des Saarraumes bereitet. 1889 fand der erste Massenstreik in der Region statt (48) , brach aber bald zusammen. Mehrere durch den von Warken im gleichen Jahr gegründeten "Rechtsschutzverein für die bergmännische Bevölkerung des Oberbergamtsbezirks Bonn" organisierte Streiks verliefen erfolglos. Der zu Unrecht als "sozialdemokratische Gewerkschaft" attackierte Rechtsschutzverein löste sich unter dem Druck von Staat und Kirche und wegen innerer Querelen 1893 wieder auf. (49)
August Bebel sah im Gebiet an der Saar "eine vollständige terra incognita" (50) . Durch das "Sozialistengesetz der Saarindustrie" 1877 und Bismarcks "Sozialistengesetz" 1878 (51) wurde eine Ausbreitung der Sozialdemokratie zunächst eingeschränkt. Unter dem Einfluß des Industriellen und Politikers Karl Ferdinand von Stumm (52) wurden patriarchale Betriebspolitik und die Bekämpfung gewerkschaftlicher und politischer Organisierung konsequenter umgesetzt als in den anderen Revieren des Deutschen Reiches. Bis etwa 1904 währte die Stumm-Ära, in der das Saarrevier zum sogenannten Königreich "Saarabien" ausgebaut wurde. Die gewerkschaftlichen Neuanfänge nach 1904 wurden zwar unter dem Vorsitzenden der Bergwerksdirektion, Ewald Hilger ("Saar-Bismarck"), wiederum repressiv behandelt, standen aber im Zeichen eines neu erwachten Selbstbewußtseins: Der wegen Besuch einer Versammlung des Bergarbeiterverbandes (BAV) entlassene Arbeiter Karl Krämer wehrte sich durch im Revier verteilte Flugblätter. Das trug ihm einen Prozeß ein, der aber unter Beteiligung eines vom SPD-Parteivorstand berufenen Anwalts gegen das "saarabische System" gewendet werden konnte.
Neben der Neukonstituierung des BAV kam es auch zu Neuansätzen sozialdemokratischer Organisierung, ab 1905 erschien die "Saarwacht", herausgegeben von Nikolaus Osterroth, als sozialdemokratische Tageszeitung. Daneben gewann auch der Gewerkverein christlicher Bergarbeiter Deutschlands (GCB) zunehmend Einfluß im Revier, eine Standesorganisation, die wegen ihrer interkofessionellen Grundsätze nicht nur in Opposition zur Sozialdemokratie, sondern auch zur katholischen Kirche und zum Zentrum stand.
Eine Konsolidierung der Arbeiterparteien und eine entscheidende Stärkung der Gewerkschaften ergab sich allerdings erst nach dem Ersten Weltkrieg. Unter dem Einfluß von SPD, KPD, FAUD, USPD und freien Gewerkschaften begann sich ein "links-proletarisches Milieu" auszuprägen (53) , das allerdings zunehmend von der Konfrontation zwischen Kommunisten und Sozialisten geprägt und insofern von Zersplitterung bedroht war, während es dem katholischen Lager auch perspektivisch gelang, sich im Zeichen antisozialistischer Propaganda und der Opposition gegen die französische Besatzung zu einigen.
Nach einer Phase der Prosperität (1920 bis 1922), bedingt durch die Inflation der Mark und die Franc-Entlohnung im Bergbau, begannen die Auseinandersetzungen sich zu verschärfen.
Im umstrittenen "100tägigen Streik" (54) um die Ruhr von 1923 stellte sich die Arbeiterschaft im Saargebiet als ein Machtfaktor dar, mit dem zu rechnen war. Allerdings verbanden sich schon in dieser Auseinandersetzung soziale Motive mit nationalen, insbesondere in Form der Aversion gegen Frankreich und in der Betonung der Verbundenheit mit Deutschland (55) , markiert auch nicht zuletzt dadurch, daß der Streik Billigung und Unterstützung durch Reichsregierung und Großindustrie erfuhr.
Diese Entwicklung ist zum Teil auch in den Beiträgen der Arbeiterparteien nachzuverfolgen, sicherlich hat sie mit dazu beigetragen, daß die Option für den Status-quo nach dem Regierungsantritt der NSDAP für die Mehrheit der Bevölkerung keine akzeptable Alternative zum Anschluß an NS-Deutschland darstellte. (56)
Die Frage der Rückgliederung des Saargebiets an Deutschland, vor 1933 von fast allen Parteien befürwortet und insofern als bloße Formalität betrachtet, wurde nach der sog. Machtergreifung zur entscheidenden Frontlinie in den politischen Auseinandersetzungen. Dem Zusammenschluß von Deutsch-Saarländischer Volkspartei, Deutsch Bürgerlicher Mitte, Zentrum und der saarländischen NSDAP zur "Deutschen Front" entsprach auf gewerkschaftlicher Ebene die Gründung der "Deutschen Gewerkschaftsfront" aus christlichen Gewerkschaften, Hirsch-Duncker'schen und Nationalen Gewerkvereinen. (57) Während das nationale Lager sich dergestalt schon 1933 zusammenschloß, gelang eine Einigung der Arbeiterparteien auf den gemeinsamen Kampf für den Status-quo nach erheblichen Auseinandersetzungen und mehrfachen Positionswechseln erst im Juli 1934 (Einheitsfrontabkommen).
Die folgenden Jahre standen nach der Zerschlagung der Arbeiterparteien und -organisationen im Zeichen der Disziplinierung der Arbeiter durch Einfügung in die sog. Betriebsgemeinschaft, eine Politik, die nicht immer konfliktfrei verlief. Insbesondere in kirchenpolitischen Fragen und in bezug auf die Devisenordnung für Grenzgänger kam es mehrfach zu Konflikten (58) , später gingen insbesondere von Zwangsarbeitern Widerstandsaktionen aus.
Nach 1945 begann der Neuaufbau der Arbeiterbewegung an der Saar, die innenpolitischen Konflikte waren allerdings bald wieder - bis zur Abstimmung von 1955 - von der nationalen Frage überlagert und wurden zunehmend von den trotz ihres Engagements für den Nationalsozialismus nur vorübergehend diskreditierten Eliten bestimmt. Der wirtschaftliche Aufschwung der 50er und 60er Jahre und die wachsende Rationalisierung in der zunehmend krisengeschüttelten Kohle- und Stahlindustrie führten zu einer Auflösung tradierter bergmännischer Familienstrukturen und zu einer Erosion des klassischen Arbeitermilieus. (59)
Der Begriff 'Arbeiterliteratur' erwies sich für die vorliegende Arbeit nur begrenzt als tauglich. 'Arbeiterliteratur' ist ein relativ vager literaturwissenschaftlicher Kategorisierungs-Begriff, bei dessen Verwendung häufig ungeklärt bleibt, ob hier von Arbeitern, für Arbeiter oder über Arbeiter geschrieben wird. (60) Mit sozialen und thematischen Kriterien mischen sich oft politische, die unter Umständen dazu führen, daß aus dem Bedürfnis nach retrospektiver Konstruktion von Kontinuitätslinien der Ausschluß bestimmter Autoren erfolgt. (61)
Am unproblematischsten stellt sich die Klassifikation wohl im Fall autobiographischer Texte dar: Daß Arbeiterautobiographien autobiographische Texte von Arbeitern sind, ist nicht mehr als eine tautologische Feststellung. Stammen die Texte nicht von Arbeitern, so sind es keine Arbeiterautobiographien. Bestenfalls kann man hier noch Erinnerungen von Handwerkern subsumieren. Nach formaler und inhaltlicher Gestaltung können verschiedene Typen unterschieden werden. Emmerich etwa nennt drei Idealtypen: Darstellung des Lebens als politischer Lernprozeß in aufsteigender Linie ist prägend für den ersten, Einnahme einer Opfer-Perspektive durch "politisch weitgehend unbewußte Arbeiter" für den zweiten, der dritte Typus stammt von den "Aufsteigern aus dem Proletariat", die gut leninistisch als Arbeiteraristokraten verleumdet werden (etwa Karl Bröger) und deren Texten eine zunehmende Verbürgerlichung attestiert wird. (62) Bei den hier vorliegenden Texten findet man im wesentlichen nur den ersten Typus, zum Teil mit Einschlägen aus dem zweiten.
Schwieriger verhält es sich mit den Arbeiterdichtern. Sicherlich läßt sich keine strenge soziale Differenzierung durchhalten, die darauf beharren würde, daß Arbeiterdichter schreibende Arbeiter sind. Rülcker etwa weist in seiner soziologischen Arbeit über die Arbeiterdichtung der Weimarer Republik darauf hin, daß die "Repräsentanten der Arbeiterdichtung ... aus proletaroiden Kleinbürgerfamilien" (63) (also verarmten Handwerkerfamilien) stammen. Die "soziale Deklassierung" mache sie "jedoch noch lange nicht zu Arbeitern, sofern sie in die Fabrik gehen, versuchen sie sich diesem Gang wieder zu entziehen". Dafür, daß die proletarische Herkunft der Arbeiterdichter gleichwohl betont wird - zum Teil mit verfälschenden biographischen Angaben in Anthologien, wie Rülcker nachweist -, sind dann vornehmlich "ideologische Gründe" verantwortlich. (64) Solche literatursoziologischen Befunde haben sicherlich einen gewissen Erkenntniswert, allerdings entsteht schnell die Gefahr, daß aus der sozialen Herkunft weitreichende Schlußfolgerungen auf die Ausprägung weltanschaulich-politischer Positionen gezogen werden, was wiederum kaum überprüfbare Hypothesen über die soziale Prädetermination geistiger Entwicklungen voraussetzt.
Nimmt man einen der Autoren, der in der "Volksstimme" mit die meisten Gedichte veröffentlicht hat, Heinrich Grein, so wird die Problematik klar: Als promovierter Studienrat ist er alles andere als ein Arbeiterdichter im Sinne einer sozialen Klassifizierung, auch ist Arbeitswelt letztlich nicht das zentrale Thema seiner Lyrik. Andererseits erscheinen seine Gedichte nicht umsonst in einer Zeitung der Sozialdemokratie, der er auch selbst angehört: Oster- und Pfingstgedichte, zum Teil allegorische Naturlyrik gehören in diesem Zeitraum zum festen Inventar der Dichter im Umkreis der SPD.
Es empfiehlt sich, Arbeiterliteratur oder -dichtung nicht nach der Stellung der Autoren im Produktionsprozeß zu klassifizieren, sondern als Dichtung im Gefolge der Arbeiterbewegung zu betrachten. Historisch ist Arbeiterliteratur zunächst ein Phänomen des 19. Jahrhunderts (65) , hier bildet sie ein einigermaßen klar umreißbares stoffliches und formales Gepräge aus, ohne allerdings in diesem Zeitraum Gegenstand einer theoretischen Reflexion innerhalb der Arbeiterparteien zu werden. Die entscheidenden Literatur-Debatten der Sozialdemokratie kreisen vielmehr um das Verhältnis zur Weimarer Klassik und zu den modernen Strömungen der zeitgenössischen Literatur - so die Naturalismus-Debatte von 1896 (Gotha) und die Schiller-Debatte von 1905. Die Differenzen, die sich dabei auftun, sind richtungsweisend: Antizipiert die milieugerechte Darstellung elender Zustände schon deren Überwindung oder bleibt sie im Pessimismus stecken, ohne die Gegenwart politisch transzendieren zu können?
Dem "Verzicht auf Operationalisierung von Literatur für den Klassenkampf" (66) in der II. Internationale steht eine um so massivere Funktionalisierung in der III. Internationale gegenüber, die damit eine auch kulturelle Opposition zur Nachkriegssozialdemokratie aufbaut. 'Arbeiterdichtung' im engeren Sinne bezeichnet in der Weimarer Republik das Werk sozialistischer Dichter im Umkreis der Sozialdemokratie - Karl Bröger, Heinrich Lersch, Max Barthel u.a. Diese halten zu modernen Literaturströmungen wie Naturalismus und Expressionismus einen engeren Kontakt als das in der älteren Arbeiterliteratur der Fall war. Die 'Arbeiterdichtung' reicht mit bestimmten Ausläufern in den Nationalsozialismus hinein, was aber letztlich nur über formale und personale Kontinuitäten feststellbar ist. (67)
Gleichzeitig entwickelt sich eine kommunistische Literatur, die zwischen agitatorischem Anspruch und an Hegels Ästhetik geschulter Totalitätsforderung schwankt. Die kommunistischen Autoren schließen sich 1928 im Bund Proletarisch-Revolutionärer Schriftsteller zusammen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm die DDR das Erbe der sozialistischen Literatur, vor allem des BPRS. (68) In der Bundesrepublik war "Arbeiterliteratur" bis 1960 kein Forschungsgegenstand der Literaturwissenschaft. Erst durch die Gründung der "Gruppe 61" am Karfreitag 1961 und der "Werkkreise Literatur der Arbeitswelt" im Jahre 1970 fand die "Arbeiterliteratur" wieder neues Interesse in der Öffentlichkeit.
Im Saarland hat es im Gegensatz zu den anderen Industrierevieren kaum eine Tradition der Arbeiterliteratur gegeben. (69) Gründe für diese Sonderentwicklung sind vermutlich die besondere soziale und politische Situation in dieser Region im 19. und 20. Jahrhundert, welche die Arbeiterbewegung erst spät und wesentlich schwächer als im übrigen Deutschland wirksam werden ließ. Vieles, was im Saarrevier an literarischen Texten zum Thema Arbeit verfaßt wurde, ist bestenfalls der sog. Standesdichtung zuzuordnen. Nur hier und da sind vereinzelt Autoren aufgetreten, die man als Arbeiterdichter bezeichnen kann, z.B. Hans Adolf Groß, Albert Korn, Matthias Ludwig Schröder. Arbeiterdichtung und Arbeiterliteratur im oben skizzierten Sinne eines engeren Anschlusses an die sozialistische Tradition findet sich insbesondere in der "Volksstimme" (Heinrich Grein, Friedrich Thamerus, Johann Pitz) und in spezifischer Modifikation in der AZ.
Der weitere Begriff "Literatur der Arbeitswelt" empfahl sich insgesamt eher zur Auswahl der Texte, da er "nicht nur die Werke unterschiedlicher ideologischer Ausprägung, soweit sie die Arbeitswelt zum Thema haben, sondern auch die Werke der verschiedensten literarischen und politischen Epochen" (70) umfaßt und es somit gestattet, an einem systematischen Zentrum orientiert, Texte aus verschiedenen Bereichen vergleichend zusammenzutragen.
Diese Arbeit war geplant als kommentierte Bibliographie mit biographischem Anhang. Dafür sollten sowohl selbständige als auch unselbständige Publikationen gesammelt und ausgewertet werden, außerdem mehrere Periodika, da das Thema "Arbeit" noch vor etwa 100 Jahren selten in der kanonisierten Literatur vorkam und wir von der Annahme ausgingen, gerade in Zeitungen und Zeitschriften eher fündig zu werden.
Die Auswertungen zogen sich vertikal durch alle Gattungen, also Romane, Erzählungen, Anekdoten, Lyrik und dramatische Texte. Es wurden aber auch Textsorten wie Lebensberichte, autobiographische Erzählungen und essayistische Betrachtungen hinzugenommen, da auch sie wertvolle Beobachtungen bargen.
Der biographische Anhang soll den Bezug des Autors zum Saarland bzw. zum Thema Arbeit dokumentieren. Er ist vor allem interessant, da sich in der Bibliographie nicht nur die bekannten Saar-Autoren wie etwa Kirschweng, Regler, Dill finden, sondern sehr viele Autoren, auch Laien, die längst vergessen sind, und die auf diese Art und Weise wieder einem breiteren Publikum bekannt gemacht werden, z.B. Heinrich Niedner, Emma Kettner, Kristian Kraus u.a. Hier liegt jedoch auch ein Problem: Es waren teilweise nur noch spärliche oder gar keine Angaben zur Biographie möglich.
Die Auswahl der relevanten Texte erfolgte nach folgenden drei Kriterien:
1. Der Text sollte eine literarische Form haben.
2. Der Verfasser sollte im Saarland geboren sein bzw. einen gewissen Teil seines Leben hier verbracht haben.
Es geht hier weder darum, übersteigerten Lokalpatriotismus zu pflegen, noch darum, in irgendeiner Weise eine quasi stammesgeschichtliche Literaturgeschichte zu verfassen. Man hat hier wohl zwei Dimensionen zu unterscheiden: Einmal ist die konkrete geographische Region der Bezugspunkt literaturhistorischen Forschens, eine Kategorie oder ein Suchraster, wenn man so will. Auf dieser Ebene stellt sich die Frage: Welche Autoren und Texte gibt es in bezug auf das Thema Arbeit vor Ort? Dabei wird man sich an die Autoren halten, die lebensgeschichtlich in irgendeiner relevanten Beziehung zur Region stehen oder standen. Zum zweiten kann man von einer literarischen Region sprechen, also von einer inhaltlichen Orientierung der Texte, die sich als Regionalliteratur insofern ansprechen lassen, als sie "sich in besonderem Maß auf die Eigenheiten, Denk- und Empfindungsweisen einer Region einlassen." (71) Wie lange nun ein Autor in einer bestimmten Region lebte, ist dabei letztlich belanglos.
In einigen Fällen können die Zuordnungskriterien durchaus vage werden und es empfiehlt sich dabei wohl, die Auswahlkriterien als mehr oder weniger heuristische Bestimmungen zu nehmen und dann im Einzelfall zu sehen, ob ein Text relevant sein kann.
So wurde der badische Pfarrer Max Crone in die Bibliographie aufgenommen, obwohl er anscheinend nie im Saarland lebte. Andererseits war Crone zeitweise einer der Haupt-Autoren des "Saarbrücker Bergmannskalenders" und des "Bergmannsfreundes"; deshalb ist seine Aufnahme wohl gerechtfertigt.
Problematisch ist auch die Zuordnung Matthias Ludwig Schröders, der immer wieder als bekanntester saarländischer "Arbeiterschriftsteller" bezeichnet wird; demgegenüber steht sein Ruf als "Rheinischer Eulenspiegel". Schröder wurde zwar im Saarland geboren, zog allerdings bereits in frühester Kindheit (genaues Datum unbekannt) mit seinen Eltern nach Trier, wo er seine Jugendzeit verbrachte. Nach Abschluß seiner Installationslehre ging er nach alter Handwerkersitte auf Wanderschaft durch ganz Deutschland. Später ließ er sich in Köln nieder, wo er auch starb. Das Saarland hat er anscheinend nie wieder betreten, es wird in keiner seiner Erzählungen erwähnt.
Die Region als Suchraster verwendend, wird man immer wieder auf in verschiedener Hinsicht interessante Autoren treffen, bei denen sich die Frage stellt, wie eng ihre Bindung zur Region zu veranschlagen ist. Ob man etwa einen Dichter wie Ludwig Scharf dazunehmen sollte, darüber kann angesichts der geringen Rolle, die die Region in seinem Werk spielt, und angesichts seines frühen Aufbruchs nach München sicher gestritten werden.
In anderen Fällen - etwa bei John Henry Mackay - geht es von vornherein nicht darum, einen Autor als regionalen zu klassifizieren, sondern darum, einen auch in regionaler Hinsicht aufschlußreichen Text zu behandeln, den man auch unter anderen Aspekten betrachten kann.
In bezug auf Texte aus der Arbeiterbewegung verschärft sich das Problem vielleicht noch - für politisch aktive Arbeiter, die Autobiographien verfassen, ist die Saar häufig eine Durchgangsstation. Andere Autoren sozialdemokratischer Zeitungen - wie Thamerus und Grein - schreiben zwar dauerhaft in der Region, verfassen aber sozialistische Lyrik, die besonderer regionaler Spezifika in der Regel ermangelt.
3. "Arbeit" wird hier als Industriearbeit verstanden, meint also die Beschäftigung von Bergleuten, Hütten-, Glas- und anderen Fabrikarbeitern in Abgrenzung zu der Tätigkeit von Handwerkern, Bauern oder Angestellten.
Diese Abgrenzung war notwendig, da diese Beschäftigungsgruppen einen anderen historischen und soziokulturellen Hintergrund haben.
Wenn auch dergestalt die Darstellung ländlicher Lebens- und Arbeitsverhältnisse keinen systematischen Schwerpunkt der Untersuchung bildet, so kommen diese doch immer wieder am Rande und zum Teil kontrastiv zur Sprache. Bäuerliche Lebensverhältnisse werden einerseits in den Texten deswegen thematisiert, weil für viele Bergleute die Doppelbelastung als Arbeiter und Bauern prägend war. Zum anderen bildete das Dorf auch dann häufig einen mentalitätsprägenden Sozialisationshintergrund, wenn man sich von ihm zugunsten industrieller Arbeitsverhältnisse gelöst hatte. Zuletzt spielt dörfliches Leben dort eine Rolle, wo es der industriell geprägten Lebenswelt der abgewanderten Dorfbevölkerung in häufig zivilisationskritischer Absicht entgegengehalten wird, so etwa bei Maria Croon. Der Ort dieser Konzepte ist ein prekärer: Sie benennen offensichtliche Mängel der Industrialisierung und Modernisierung, stehen aber in der Gefahr, sich auf die fragwürdige Dichotomie von positiv konnotierter Kultur und abgewerteter Zivilisation einzulassen und eine Lösung in regressiver Heimatidyllisierung zu suchen.
"Arbeitswelt" beschränkt sich hier nicht auf Darstellung des Arbeitsalltags und der Situation am Arbeitsplatz, sondern soll auch Schilderungen des Alltags, der Privatsphäre und des sozialen Lebens umfassen, ausgehend von der Überlegung, daß Arbeitswelt auch in den Alltag hineinragt und dadurch ein Milieu konstituieren kann. Es sollten dementsprechend nicht nur Texte ausgewählt werden, die Arbeitswelt darstellen, sondern auch solche, in denen Empfindungen, Mentalitäten, Alltagsprobleme, überhaupt lebensweltliche Orientierungen zum Ausdruck kommen. Zweifellos ergeben sich hier Bezüge zu nahezu klassischen Motiven von Regionalliteratur, insbesondere was die emotionale Bindung an eine Region und häufig auch eine Zeit betrifft, so etwa im vielfach variierten Motiv des Bergmannshauses. Die Beschwörung von Heimat - geographisch und zeitlich - und die Klage über ihren Verlust stehen sich dabei nahezu gleichzeitig gegenüber.
Da zur Literatur des Saarlandes weder Primär- noch Sekundärliteratur bibliographisch erschlossen sind (jedenfalls nicht vor 1959), wurde ein systematisches Vorgehen erschwert. Zuerst einmal war es notwendig, sich einen allgemeinen Überblick über das literarische Leben an der Saar, vor allem während der letzten 200 Jahre, zu verschaffen. Die "Pfälzische Bibliographie" und die "Saarländische Bibliographie" enthalten zwar entsprechende Rubriken, bieten aber für die Zeit vor 1950 keine Hilfe an.
Gerade auf jener Epoche sollte der Hauptakzent der Arbeit liegen. Um dennoch entsprechendes Informationsmaterial zu erhalten, wurden zuerst die Quellenverzeichnisse bereits vorhandener Dissertationen und Forschungsarbeiten zur saarländischen Literatur bzw. zu einzelnen saarländischen Schriftstellern ausgewertet. Aus dieser Sekundärliteratur wurden die Namen saarländischer Schriftsteller und - wenn möglich - ihre Lebensläufe ermittelt und zu einer Kartei "Saarländische Autoren" zusammengestellt. Auf der Basis dieser "Kartei I" wurde nun versucht, in Bibliographien und Literaturlexika die Werke der Autoren zu erfassen und zu katalogisieren. Da die Kartei I etwa 400 Autoren enthält, ist verständlich, daß bei der Recherche jeweils nur die Hauptwerke der einzelnen Verfasser berücksichtigt wurden. Viele in der Sekundärliteratur erwähnte Titel waren darüber hinaus nicht mehr bibliographisch nachweisbar.
Die Titel saarländischer Schriftsteller wurden in eine "Kartei II" übernommen. Diese Kartei II diente nun als Arbeitsgrundlage für das eigentliche Anliegen der vorliegenden Forschungsarbeit: die Auswahl der Texte unter dem Aspekt "Arbeit". Soweit wie möglich wurden die bibliographisch ermittelten Titel in Bibliotheken und Archiven zusammengesucht und gesichtet. Auch dabei stellten sich wieder neue Probleme: Viele Texte sind in Kriegszeiten verschollen oder, weil sie wegen ihrer minderen literarischen Qualität nicht als bewahrenswert erachtet wurden, verlorengegangen.
Die als themenrelevant erkannten Titel wurden zu einer Bibliographie zusammengestellt und unter Zuhilfenahme der Sekundärliteratur kommentiert.
Es erwies sich als sinnvoll, im Rahmen dieser Untersuchung nicht nur auf selbständig erschienene Publikationen zurückzugreifen, sondern auch Zeitschriften zu berücksichtigen, in denen eine Vielzahl von literarischen Texten publiziert wurde, die ansonsten nicht zugänglich sind.
Ausgewählt wurden "Der Saarbrücker Bergmannskalender", "Der Bergmannsfreund" und die Zeitschrift "Nach der Schicht".
Die Entscheidung für gerade diese drei Zeitschriften erfolgte nach folgenden Kriterien:
1. Die ausgewählten Zeitschriften erschienen kontinuierlich in gleicher Aufmachung über
einen längeren Zeitraum.
2. Sie waren sehr populär und in der Bevölkerung weit verbreitet.
3. Sie richteten sich ausdrücklich an ein Arbeiterpublikum.
4. Es sind noch fast alle Jahrgänge komplett erhalten und leicht zugänglich.
Allerdings muß betont werden, daß die drei ausgewählten Zeitschriften Presseorgane von Staat oder Kirche waren und somit zu einer politisch und sozial affirmativen Tendenz neigten, die sich auch in den literarischen Beiträgen widerspiegelt.
Es bot sich an, diesen Texten thematisch vergleichbare Darstellungen aus dem Umfeld der Arbeiterbewegung gegenüberzustellen. Hier nun stellte sich die Quellenlage angesichts der spezifischen Entwicklungsprobleme der Arbeiterparteien an der Saar als schwieriger dar. Deswegen war es nicht möglich, für diesen Bereich entsprechende Periodika, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen, ausfindig zu machen. Ausgewertet wurden aber die sozialistischen und kommunistischen Tageszeitungen: Die "Volksstimme" erschien ab 1905 regelmäßig, die kommunistische "Arbeiter-Zeitung" ab 1922. Dabei konnten mitunter natürlich auch ältere Texte oder solche, in denen Leben und Arbeit auch im 19. Jahrhundert thematisiert wird, aufgefunden werden. Beide Zeitungen sind wegen ihrer Bedeutung als historische Quellen häufig in Arbeiten zur politischen Geschichte herangezogen worden (etwa mit Blick auf die Saarabstimmung), wurden aber bisher in bezug auf ihre literarischen Beiträge nicht systematisch gesichtet, obwohl sich in ihnen (in der "Volksstimme" stärker als in der "Arbeiter-Zeitung") ein nicht unbeträchtlicher Textbestand findet, der sicherlich auch mentalitätsgeschichtlich aufschlußreich ist. Gerade die Kontrastierung mit bergmännischer Standesdichtung und religiös ausgerichteten Texten kann insofern gewinnbringend sein, als sie nicht nur naheliegende Differenzen (stärkere Betonung sozialkritischer Aspekte), sondern auch Parallelen in Bildwahl und Metaphorik in den Blick geraten läßt.
Der "Bergmannsfreund" verdient besondere Geltung als "erste Werkzeitschrift Deutschlands oder gar der Welt". (72) Bruch charakterisiert das Blatt, das noch keine "Werkszeitung im heutigen Sinne" war, folgendermaßen: "Das Blatt war von originaler Art, ohne Vorbild bis dahin. Die Verflechtung bergmännischer und behördlicher Interessen, die technische und betriebliche Unterweisung, die leichte Unterhaltung verband sich mit der Erziehung der Leser zu königstreuer und nationaler Gesinnung, wobei sich das Blatt zuweilen in politische Kämpfe verwickelte. Insgesamt: ein Kapitel aus der Geschichte der preußischen Bergverwaltung an der Saar und der Presse- und Kulturgeschichte des deutschen Südwestens, das sich nicht überschlagen läßt." (73)
Wer für die Gründung des BF verantwortlich war, läßt sich heute nicht mehr eruieren. Bruch nennt als Urheber den Berghauptmann und Wirklichen Geheimen Rat und Vorsitzenden der Bergwerksdirektion, Adolf Achenbach. (74)
Das erste Exemplar des BF datiert vom 1. Juli 1870. Nach drei Probenummern wurde wegen des Deutsch-Französischen Krieges das Erscheinen vorläufig eingestellt und erst wieder ab dem 1. Juli 1871 fortgeführt. Ursprünglich war es als wöchentliche "Gratis-Beilage" der Saarbrücker Zeitung gedacht. Ab April 1892 jedoch wurde das Blatt als eigenständige Zeitschrift in doppeltem Umfang herausgegeben. Seit Januar 1898 dann erschien es dreimal wöchentlich, samstags jedoch nur vierseitig mit Anzeigenbeilage. Im April 1901 war dann auch die Auflage am Wochenende acht Seiten stark; die letzte Seite blieb als ständige Anzeigenseite. 1908 schließlich wurde das Format geändert; ein großer Satzspiegel wurde eingeführt, der Textumbruch war statt zweispaltig jetzt dreispaltig. Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges, am 1. August 1914, wurde das Erscheinen unterbrochen. Ab September 1917 erschien der BF wieder, jetzt allerdings nur noch einmal wöchentlich. Am 4. Juli 1919 schließlich, nach der Übernahme der Saargruben durch Frankreich, "beendete der Bergmannsfreund seinen Lebenslauf". (75)
Über ein halbes Jahrhundert konnte der BF das sozialpolitische Geschehen an der Saar mitbeeinflussen. Die Redaktion des BF wurde von mehreren herausragenden Persönlichkeiten getragen. Der erste Redakteur war der Bergassessor Franz Anton Haßlacher aus Koblenz. Er gestaltete das Blatt zehn Jahre lang. Sein Nachfolger war Bergassessor Dr. Paul Klose, der von Oktober 1880 bis Juli 1881 im Dienst des BF stand. Von Juli 1881 bis April 1892 leitete Bergrat Hugo Wagner das Blatt. Während der Streikzeit von April 1892 bis November 1893 war der streitbare Berginspektor Ewald Hilger federführend. Er war ein Kämpfer gegen die Sozialdemokratie und Verfechter der patriarchalischen Verhältnisse. (76) Bruch schreibt: "Erst Hilgers Amtszeit hat den 'Bergmannsfreund' weit über die Saarregion hinaus zu einem Begriff gemacht." (77) Wegen einer Beleidigungsklage wurde Hilger von der Bergwerksdirektion als Redakteur abgezogen. (78) Sein Vertreter und späterer Nachfolger war Theodor Vogel, der die Redaktion des BF bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges leitete. Vogel prägte nachhaltig den Charakter der Zeitschrift: "Nicht nur Theodor Vogels weitaus längste Amtszeit als Redakteur, sondern mehr noch die mit ihm anhebende Entwicklung des 'Bergmannsfreunds' zu einem zwar eigentümlichen, aber nicht mehr zu übersehenden Faktor im Blätterwald an der Saar hat seinen Namen mit der 'Zeitung zur Unterhaltung und Belehrung für Bergleute' am stärksten verbunden." (79) Laut Untertitel war das Blatt zur "Unterhaltung und Belehrung für Bergleute" gedacht. Ludwig Bruch schreibt zum Inhalt: "Zunächst trat das später zuweilen überbetonte 'Erzieherische' noch zurück. Seine Leser fanden amtliche Nachrichten, Personalien aus dem Bergrevier, geschichtliche und aktuelle Abhandlungen aus Bergbau und Industrie, aus dem bergmännischen und knappschaftlichen Leben, technische Berichte, gemeinverständliche Betrachtungen naturkundlicher Art oder aus anderen Wissensgebieten, Romane, Erzählungen und Novellen samt buntem Allerlei." (80) Die literarischen Beiträge wurden "möglichst unter bergmännischen Gesichtspunkten ausgewählt". (81) Hauptautoren waren Wilhelm Fischer, Max Crone, Conrad Herrmann und Heinrich Kniebe. (82) Gleichzeitig fungierte der BF als "Presseamt" der Bergverwaltung. (83)
Obwohl der BF von seinem inhaltlichen Konzept her an ein bergmännisches Publikum als Leserzielgruppe gerichtet war, ist sicher, daß er in seinen Anfangsjahren überwiegend von Nichtbergleuten bezogen wurde. (84) Dennoch war das Blatt auch in Bergmannskreisen sehr populär.
"Was im 'Bergmannsfreund' stand, wurde über seinen Bezieherkreis hinaus im Grubenrevier bekannt. Das Blatt war in Schlafhäusern, Kaffeeküchen und den Wirtschaften der Bergmannsorte zu finden. Dort wurde über seinen Inhalt diskutiert." (85) Mit den Jahren wurde der Bezieherkreis größer, seinen Höhepunkt erreichte er 1914 mit einer Auflage von 20 000 Exemplaren. (86) Bruch schreibt: "Berücksichtigt man die Bodenständigkeit der saarländischen Bergmannsfamilien, deren männliche Angehörige fast alle 'auf der Grub' beschäftigt waren, so ergibt sich selbst bei voller Anrechnung der Zahl der nichtbergmännischen und auswärtigen Bezieher, daß die Zeitung in den letzten Jahren ihres Bestehens in den meisten Bergmannshäusern zu finden war." (87)
Neben dem "Bergmannsfreund" entschloß sich die Bergwerksdirektion noch ein zweites Publikationsorgan herauszugeben: den "Saarbrücker Bergmannskalender". In der Ausgabe des BF vom 6. September 1872 wird das Erscheinen des ersten Jahrgangs des SBK für das Jahr 1873 angekündigt. Die Anzeige des BF lautete: "Gegen Mitte Oktober wird vom 'Bergmannsfreund' der Saarbrücker Bergmannskalender für das Jahr 1873 herausgegeben werden. Derselbe enthält neben dem Kalendarium, Jahrmarktsverzeichnis und sonstigen Kalendernachrichten eine mit hübschen Bildern ausgestattete Erzählung aus dem Bergmannsleben 'eine Weihnachtsgeschichte' von Wilhelm Fischer, sowie eine reiche Auswahl anderer unterhaltender und für Haus und Leben nützlicher Beiträge aller Art." (88)
Der SBK war zwar nicht das erste Kalenderwerk in dieser Region (89) , er gehörte auch nicht zu den ersten Arbeiter- bzw. Bergmannskalendern Deutschlands, außergewöhnlich aber ist der lange Zeitraum, den er fast unverändert überdauert hat. Der SBK hat sich bis in unsere Zeit gehalten.
Von Titel und Aufmachung her sprach der SBK die Bergleute als Lesepublikum an, dennoch steht er nicht "in der Tradition der Bergmannskalender aus anderen Revieren". (90) Schallmo weist dies in seiner Arbeit nach: "Zwar finden sich berufsbezogene und technische Angaben, doch auch an den Bauernstand erinnernde Inhalte sind aufgenommen. Der SBK steht also eher in der Tradition der herkömmlichen Volkskalender." (91) Schallmo sieht im SBK eine Verbindung zwischen den traditionellen Volkskalendern und dem Bergmannsstand. So entsprach der kalendarische Teil dem der traditionellen Volkskalender.
"Im Kalendarium sind also astronomische, landwirtschaftliche, meteorologische, historische, geographische und religiöse Daten aufgenommen." (92) Kalendernachrichten und Kalendarium blieben bis 1897 in gleicher Form bestehen. Nach dem kalendarischen Teil folgte stets eine Aufstellung der regierenden Fürstenhäuser von Preußen und Bayern. Außerdem enthielt der SBK bergstatistische Notizen, ein Jahrmarktsverzeichnis und ab 1879 die Rubrik "Hausmittel und Gemeinnütziges" und Ratschläge für Gartenbau und Kleintierhaltung. Die literarischen Beiträge enthielten traditionelle Bergmannslieder (bis 1885), Gedichte und Erzählungen.
"Im Kalender steht eine Mischung von praktisch-lehrhaften Inhalten, Rätseln, Rechenexempeln, Geschichten, Gedichten usw. gleichberechtigt nebeneinander, es kommt zu einem Verwobensein verschiedener Genera." (93)
Der SBK war ebenso wie der BF ein Machtmittel der Bergwerksdirektion zur Erziehung der Arbeiter. "Die Bergverwaltung begnügte sich nicht, nur mittels ihrer Zeitung 'Der Bergmannsfreund' auf ihre Arbeiterschaft einzuwirken, vielmehr wurde das Medium Kalender, das in der Saargegend schon vor 1873 ein traditioneller Lesestoff war, herangezogen." (94) Der SBK war ein nicht zu unterschätzendes Instrument im Kampf gegen die Sozialdemokratie: "Der Kalender als Machtmittel war das wichtigste strategische Mittel, auf das die Herausgeber zurückgriffen, um ihre politischen und sozialen Ziele zu erreichen." (95) Diese didaktischen Tendenzen wurden vor allem durch moralisierende sog. Kalendergeschichten, aber auch in Gedichten und Liedern transportiert.
Der SBK erfüllte offensichtlich die Erwartungen, die an ihn gestellt wurden: Er fand guten Absatz. Die erste Auflage vom Oktober 1872 war rasch vergriffen, eine zweite wurde gedruckt. Im BF vom 27. Dezember 1872 findet sich eine Statistik, die Verkaufszahlen und regionale Verbreitung angibt: Demnach wurden im Saarbrücker Bezirk 3294 Exemplare abgesetzt, im Aachener und Dürener Bergrevier 653, in sonstigen rheinischen Revieren 224, in nassauischen Revieren 261, in westfälischen Revieren 715, in Sachsen und Brandenburg 156. Die Gesamtzahl beläuft sich auf 5303 Exemplare. Diese Absatzzahlen erhöhten sich in den folgenden Jahren nur geringfügig. (96) Im Vergleich zu den Beschäftigungszahlen der Gruben war diese Absatzzahl ebenso wie beim BF recht gering. Der SBK als Kalender hatte allerdings gegenüber der Wochenschrift BF einen großen Vorteil: "Aus der Verbreitung des BF auf den SBK zu schließen ist nicht gerechtfertigt, da der Kalender, als Druckschrift, die nur einmal im Jahr erschien und für ein ganzes Jahr konzipiert war, eher Chancen hatte, von Bergleuten gekauft zu werden." (97) Schallmo gibt weiterhin zu bedenken, daß der Kalender "sicher eine höhere Leserzahl hatte als die Absatzzahlen vermuten lassen, da er als 'Hausbuch' in der Familie von mehreren Mitgliedern gelesen bzw. in Auszügen vorgelesen wurde." (98)
Der SBK als Publikationsorgan, das sich kontinuierlich über mehrere Jahrzehnte bzw. über ein Jahrhundert halten konnte, war natürlich auch dem Wandel der Zeiten unterworfen. So vermerkt Schallmo, daß bereits in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts die "Vermittlung bergmännischen Traditionsgutes" (99) verlorenging und sich nationale und kaisertreue Gesinnung in den Vordergrund schob. Als nach dem Ende des Ersten Weltkrieges die Saargruben unter französische Verwaltung gestellt wurden, wurde das Erscheinen des SBK zwar nicht eingestellt, aber von der französischen Bergverwaltung in ihre Dienste genommen. Auch das Nazi-Regime nutzte den Kalender als Propagandamittel für seine eigenen politischen Ziele. Mittlerweile hat der SBK seine vorherrschende Rolle als Medium für politische und ideologische Indoktrination gänzlich verloren. Er ist ein "mehr oder weniger gutes Hausbuch" geworden, wie ihn Rudolf R. Rehanek bereits 1969 treffend kennzeichnet: "eine Mischung von hausbackenen Gedichten und Erzählungen, handfestem Volkshumor, etwas heimatgebundenen Gedichten aus dem Berufsleben und schließlich die obligatorischen Fingerzeige über Verhalten in einem trotz aller neuzeitlichen Sicherheitsmethoden immer noch harten und gefährlichen Beruf." (100)
"Die Verbreitung von schlechten Roman-Heften, farblosen Wochenblättern mit fadem Text, nebst anstößigen und schwindelhaften Ausbeutungsinseraten, schlechten Witzblättern, unsittlichen Bildwerken zu billigen Preisen usw. hat durch Kolportage auch in katholischen Bevölkerungskreisen in gefahrdrohender Weise zugenommen, selbst in die entlegensten Dörfer ist die Kolportage gedrungen, und schließlich mußten die zur Abwehr Berufenen erkennen, daß die bisherigen Gegenbestrebungen, so segensreich sie auch früher unter anderen Verhältnissen gewirkt hatten, nicht mehr überall ausreichen." (101) So schildert der Verfasser eines Beitrages in der Zeitung "Nach der Schicht", vermutlich Gründer Pastor Schütz selbst, das Kolportage-Wesen im Saarrevier um die Jahrhundertwende.
Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken wurde im Jahre 1902 die "Katholische Vereinsbuchhandlung" in Neunkirchen gegründet. Im Jahre 1905 folgte dann die Gründung des "Katholischen Kolportage-Vereins" unter Vorsitz des Wiebelskirchener Pastors Johannes Schütz. Der Verein hatte sich zum Ziel gemacht, "durch Aufklärung und Zusammenschluß unter Leitung der Ortsgeistlichen die Verbreitung guter Literatur zu fördern und durch zugewendete Geldbeiträge Unterstützungsmittel bei notwendig werdenden Kolportage-Unternehmungen größeren Umfangs zu beschaffen". (102) Noch im gleichen Jahr erschien das erste Heft der Zeitung "Nach der Schicht", einer "Wochenschrift für das werktätige Volk mit sittenreinem Inseratenteil, welche auch mit Wohlfahrts-Einrichtung (Unfall-Entschädigung) verbunden sein sollte". (103) Die NdS war das Korrespondenz-Blatt des katholischen Kolportage-Vereins, ihr Redakteur war der Vorsitzende des Vereins, Pastor Schütz. Diese Zeitungs-Neugründung war anscheinend recht erfolgreich. Im o.g. Beitrag, der vier Monate nach der ersten Ausgabe von NdS erschien, heißt es: "Mit der neuen Wochenschrift trat bald wieder ein sichtbarer Aufschwung im Kolportage-Vertrieb ein. Nicht nur im Saar-Revier, sondern auch weit darüber hinaus wurde man auf die Sache aufmerksam. Es entstanden jetzt unter der Hand überall Agenturen zwecks Vertrieb der Wochenschrift nebst anderen Zeitschriften, Kalendern, Broschüren usw." (104) Über Auflagenhöhe, Verbreitungszahlen und Leserschaft liegen allerdings keine genauen Angaben vor.
Inhaltlich bot das Blatt, ebenso wie BF und SBK, dem Leser Unterhaltung, Belehrung und Nützliches. In NdS kam allerdings noch die konfessionelle Komponente hinzu.
Im Vorwort des ersten Heftes vom November 1905 wurde folgendes angekündigt: "Spannende, aber sittlich einwandfreie Romane, Erzählungen, Humoresken und Skizzen." Weiterhin eine Rubrik "Aus der Heimat", darin "Aufsätze lokalen Inhalts, Beschreibungen und Schilderungen interessanter Örtlichkeiten im Saarrevier, geschichtliche und naturwissenschaftliche Abhandlungen, Beiträge zur Volks- und Heimatkunde", dann "Reich des Wissens" zur "Fortbildung der Leser", außerdem "Lehrreiche Lebensbeschreibungen, geschichtliche Darstellungen und packende Reise-Schilderungen", dazu die Rubrik "Aus den Werken unserer Dichter". Es fehlte auch nicht ein "Praktischer Wegweiser für Gartenliebhaber, Bienen-, Geflügel- und Kleintierhaltung: Der Naturfreund". Zur Zerstreuung diente eine Rubrik "Buntes Allerlei", die "kurz wiedergegebene, interessante Mitteilungen aller Art" enthielt und "eine illustrierte humoristische Beilage 'Frische Wetter'". Schließlich noch eine Beilage "Jugendblätter" und der "Inseraten-Anhang".
Doch das Ziel der NdS war nicht allein, der Kolportage entgegenzuwirken, man wollte auch die Arbeiterschaft für die Kirche zurückgewinnen. (105)
Die NdS und der Katholische Kolportageverein standen damals der katholischen Arbeiterbewegung nahe. (106) Die tieferen Verflechtungen verdeutlicht Klein: "Das Jahr 1912 brachte für die katholische Arbeiterbewegung einen großen Erfolg, an dem auch die Aufklärungsarbeit von 'Nach der Schicht' großen Anteil hatte. Bei der Wahl zum preußischen Abgeordnetenhaus konnte sich der katholische Arbeitersekretär Bartholomäus Koßmann gegen den liberalen Kandidaten von Schubert durchsetzen." (107)
In den Nachkriegswirren 1918, ausgelöst durch die Novemberrevolution, beeinflußt von der Machtübernahme durch Arbeiter- und Soldatenräte (108) , geprägt durch die französische Besatzungszeit, (109) verschlechterte sich die Situation der NdS.
1934 starb Pastor Schütz, der Begründer von "Nach der Schicht"; sein Neffe Gerhard Schütz, Kaplan in Völklingen, trat die Nachfolge an. Er rettete die Zeitschrift über die schweren Zeiten des Nationalsozialismus hinweg. Klein berichtet: "Nur dem Umstand, daß es sich in der damaligen Zeit um eine Versicherungszeitschrift handelte, war es zu verdanken, daß die Wochenschrift unter eingeschränkten Bedingungen noch erscheinen konnte. Alle Versuche, den Verlag in die Macht des Nationalsozialismus zu bekommen, scheiterten am mannhaften Widerstand von Pastor Schütz.". (110) Unter dem starken politischen Druck konnte die Zeitschrift damals nur monatlich, später sogar nur noch vierteljährlich, "gewissermaßen als Quittung für den Versicherungsbeitrag, erscheinen". (111)
Nach dem Zweiten Weltkrieg erschien die Zeitschrift wieder wöchentlich in altgewohnter Weise, doch sah sich der Verleger wiederum vor eine neue unerwartete Situation gestellt: "Durch die neuerstandenen Saargrenzen wurde das Verteilungsgebiet von 'Nach der Schicht' bedeutend verringert. Der große Leserkreis der Pfalz, von Hessen, Franken, des Hunsrücks, des Birkenfelder und Trierer Landes gingen verloren." (112) Trotz dezimierter Leserzahlen konnte sich das Blatt 70 Jahre lang halten. Im Jahre 1974 wurde sein Erscheinen eingestellt.
Schon die Anfänge einer liberalen und kritischen Publizistik an der Saar standen unter keinem günstigen Stern. Der von Carl Ferdinand Freiherr von Stumm-Halberg ins Leben gerufene "Verein zur Bekämpfung der sozialdemokratischen Bewegung" beschloß am 6.Juli 1877: "Es sollen keine Arbeiter auf den Werken geduldet werden, welche sich an der sozialdemokratischen Agitation direkt oder indirekt beteiligen, insbesondere a) sozialdemokratische Blätter lesen oder verbreiten, b) an sozialdemokratischen Versammlungen oder Vereinen teilnehmen, c) Wirtshäuser frequentieren, in welchen sozialdemokratische Versammlungen abgehalten werden oder Blätter dieser Richtung ausliegen." (113) In Ausführung dieses Beschlusses entlassene Arbeiter sollten in keinem anderen Werk mehr Aufnahme finden.
Wegen eines gemäßigt sozialkritischen Gedichtes ("Der alte Arbeiter") beschloß der Verein dann 1880, das keineswegs sozialdemokratische, sondern linksbürgerlich-liberale "Neunkircher Tagblatt" zu verbieten. (114) Zwar wurde dieses Verbot von der Landespolizeibehörde aufgehoben, doch in einer Zeitungsübersicht der "Chronik von Neunkirchen" (1909) heißt es: Das Neunkircher Tagblatt "konnte infolge mächtiger Gegnerschaft sich nicht lange halten und ging nach einigen Jahren schon wieder ein." (115) War schon ein liberales Blatt solchen Repressionen ausgesetzt, so mußte es die sozialdemokratische Presse um so härter treffen. 1877 gründete ein "ins Revier entsandter" Sozialdemokrat namens Kaulitz (116) in St. Johann das Blatt "Freie Volksstimme", das anfangs eine Auflage von über 1000 Exemplaren erreichte: "Das von Stumm organisierte Komité.. machte ihm bald den Garaus." (117) Erst 1905 entstand mit der "Saarwacht", später "Volkswacht", ein eigenes sozialdemokratisches Publikationsorgan, dem aber ebenfalls kein langes Leben beschieden war: "Ende des Jahres 1908 ging die Zeitung, die unter beiden Titeln ein mißglückter Versuch war, die Arbeiterschaft des Saarreviers in das sozialdemokratische Lager hinüberzuführen, bereits ein." (118) Ab 1911 erschien dann die sozialdemokratische "Volksstimme" als Ausgabe für den Wahlkreis Kreuznach-Simmern, das Fürstentum Birkenfeld und das Saar-Revier, ab 1926 die "Volksstimme Saarbrücken". Die sozialdemokratischen Zeitungen im Saarrevier vor dem Ersten Weltkrieg sind Kopfblätter der überregional erscheinenden Frankfurter Ausgabe, die um einen Regionalteil erweitert wurde. Hier finden sich vereinzelte, meist anonym erschienene Gedichte aus der Region, die häufig eng an bestimmte politische Ereignisse oder an Begebenheiten aus dem Arbeitsleben anknüpfen. Ansonsten ist das Feuilleton der Vorkriegssozialdemokratie stark von nicht-sozialistischen Autoren geprägt, es finden sich Wolzogen, Ganghofer, Mörike, Storm, F. Th. Vischer, natürlich auch Arbeiterdichter wie Karl Henckell und Julius Zerfaß. Während des Ersten Weltkrieges wurde die "Volksstimme" durch die überregional erscheinende Frankfurter Ausgabe ersetzt. Literarische Beiträge enthält sie kaum, aus dem Saarrevier überhaupt keine. Deswegen wurden diese Bände nur bis 1915 erfaßt, es folgt dann das Jahr 1919.
So sieht es denn mit der Quellenlage in bezug auf die literarischen Früchte der frühen Arbeiterbewegung im Saarrevier eher schlecht aus. Auch die wenigen noch vorhandenen Exemplare von "Schlägel und Eisen", dem Vereinsorgan des 1889 im Rahmen der Streikbewegung gegründeten und bald darauf zerschlagenen Rechtsschutzvereins, das einige Lieder der Bergarbeiter enthält (119) , sind über diverse Archive verstreut. Demgegenüber förderte die patriarchale Betriebspolitik in "Saarabien", ein Ausdruck mit dem die Zustände im Saarrevier gegeißelt werden sollten (120) , in hohem Maße eine Arbeiter-Erbauungsliteratur, die den sittlichen Wert der Arbeit pries und entpolitisierende und sozialdisziplinierende Tendenz hatte, so daß für diese Zeit die konfessionell ausgerichteten und offiziellen Publikationen die Vorherrschaft hatten.
Die Schwierigkeiten sozialistischer Pressearbeit im Saargebiet bilden einen Schwerpunkt der Lebenserinnerungen von Nikolaus Osterroth, der 1905 die Gründung der "Saarwacht" betrieb. Die Enttäuschung über das Scheitern der ersten publizistischen Projekte der Sozialdemokratie an der Saar artikulierte sich bald (1908) in einer massiven Kritik der politischen und kulturellen Kompetenz der Saararbeiterschaft, gepaart freilich mit dem Vertrauen in die emanzipatorische Wirkung der sozialen Entwicklung: "Die saarabische Arbeiterschaft ist seit Generationen durch Geistesverkrüppelung in derselben Gedankenwelt oder Gedankenleere erzogen und gedrillt, in der die Spießer leben. Da ihre Interessen und somit auch ihr Verkehr ein anderer ist, kommen sie mit zugewanderten, aufgeklärten Arbeitern in Berührung und diesen wird es mit vieler Mühe und Geduld gelingen, die Köpfe der saarabischen Proleten zu revolutionieren. Eine schwere Arbeit, die nur des Herakles Arbeiterschaft zu vollbringen imstande ist." (121)
Doch nach dem Ersten Weltkrieg änderte sich die Situation. Die "Volksstimme" stabilisiert sich und wird durch mehrere Unterhaltungs-Beilagen ergänzt. Bis 1935 finden sich wieder zahlreiche Texte des Poetischen Realismus, die ganze Garde der bekannten Arbeiterdichter und zum Teil auch Autoren mit einer Nähe zu kommunistischen Positionen. Außerdem werden regelmäßig sozialistische Gedichte aus der Region publiziert, bisweilen auch Erzählungen und Lebenserinnerungen von Parteiveteranen.
Außerdem bilden sich mit USP und KPD auch an der Saar neben der SPD neue Arbeiterparteien, die offenbar erstaunlich erfolgreich waren. (122) Während allerdings die USP nicht lange existierte, begannen sich die "Erfolge der Kommunisten, die sie durch ihre radikale Agitation in den Gewerkschaften bei der Arbeiterschaft gewonnen hatten, 1922 eindeutig abzuzeichnen" (123) , was sich auch publizistisch in der Gründung der "Arbeiter-Zeitung", die dann bis Januar 1935 täglich erscheinen sollte, niederschlug. Die AZ war das offizielle Organ der KPD für das Saargebiet. Neben zahlreichen politischen Artikeln zur Lage in Deutschland und an der Saar, insbesondere auch Publikationen des deutschen und internationalen Kommunismus (ZK- und Komintern-Resolutionen, Parteitagsberichte usw.) enthält sie auch eine Reihe von Literaturbeiträgen, so jeden Tag einen Fortsetzungsroman, zahlreiche Gedichte, Kurzgeschichten, Erzählungen und Arbeiterkorrespondenzen. (124) Obwohl die Naturwüchsigkeit von Bergarbeiterdichtung mehrfach beschworen wird, bleibt der Anteil der von Saar-Arbeitern verfaßten Texte insgesamt relativ gering. Es finden sich zahlreiche Texte von Autoren, die kommunistische Positionen vertreten oder ihnen nahestehen, so von Andersen-Nexö, Barbusse, Becher, Bredel, Ginkel, Gruenberg, Krey, Lorbeer, Marchwitza, Neukrantz, Weinert, daneben bekannte Gedichte von Vormärz-Dichtern und Texte international renommierter Autoren - Gorki, Jack London, Maupassant, Sinclair, Tolstoi, Zola. Nach 1933 nimmt natürlich die Zahl der literarischen Beiträge zu, die sich mit dem Saargebiet und dem herannahenden Abstimmungskampf beschäftigen, da bekanntlich eine große Zahl von in Deutschland verfemten Autoren ihren Beitrag dazu leisten wollten, Hitler an der Saar zu schlagen, was auch zu einer Vermehrung der Publikationsorgane führte (z.B. "Westland" bzw. "Grenzland", "Der Bolschewik"). In der AZ finden sich insbesondere Gedichte von Weinert zur Saarabstimmung, Reportagen von Theodor Balk, Bruno von Salomon und Franz Carl Weiskopf, Gustav Reglers Saar-Roman "Im Kreuzfeuer" und seine Erzählung "Kumpel Karl" (125) . An Texten aus der Region finden sich insbesondere agitatorische Gedichte, vereinzelt Erzählungen, ein Drama und eine größere Anzahl von bisweilen hochgradig didaktisch strukturierten Arbeiterkorrepondenzen.
Der Aufbau der Bibliographie ist in einigen Punkten erläuterungsbedürftig. Insgesamt sind die Texte chronologisch geordnet. Die selbständig erschienen Publikationen sind nach Gattungen gegliedert, innerhalb derer sie dann in chronologischer Folge erscheinen. Die unselbständig erschienen Texte sind nach den entsprechenden Zeitungen sortiert, in denen sie publiziert wurden. Innerhalb der Zeitungen selbst wurden sie entsprechend der Jahrgänge eingeordnet. Bei den Tageszeitungen ("Arbeiter-Zeitung" und "Volksstimme") erscheinen die Texte mit Datumsangabe in wiederum chronologischer Folge; liegen die einzelnen Jahrgänge, wie beim "Bergmannsfreund", als selbständige Bände vor, so erscheinen die Texte innerhalb der Jahrgänge in alphabetischer Folge.
Jedem Titel wurde eine Nummer zugewiesen. Diese erscheint hinter dem entsprechenden Autorennamen im alphabetischen Register, so daß alle Texte eines Autors schnell identifizierbar sind. Hinter dem Titel findet sich in der Bibliographie jeweils die gattungstypologische Einordnung (z.B. MuS: Märchen und Sagen, s. Abkürzungsverzeichnis). Im zweiten Teil des Registers sind dann die Nummern aller Texte nach Gattungen spezifiziert aufgeführt.
Da die "Volksstimme" meist keine Seitenzählung, aber umfangreiche Sonderbeilagen enthält, wird hier der Titel der einzelnen Rubriken mit den ensprechenden Seitenzahlen angegeben. So bedeutet "NdA, S. 1" zum Beispiel, daß sich der Text in der Unterhaltungsbeilage "Nach der Arbeit" auf Seite eins befindet (s. Abkürzungsverzeichnis).
Alle Texte wurden kopiert und archiviert und sind im Literaturarchiv
Saar-Lor-Lux-Elsass an der Universität des Saarlandes einsehbar.
Eine Auswahl repräsentativer Texte soll in einer eigenständigen
Anthologie publiziert werden.